Kräutertee vom Stammtisch

Im Mühlviertel taten sich in den Achtzigerjahren ein paar Bauern zusammen, um gemeinsam Bergkräuter zu kultivieren. Deren Qualität ist so hervorragend, dass Tee daraus von speziellen Sommeliers zusammengestellt wird.

Agrarkrise, ja – Sinnkrise, nein: Im Mühlviertel waren sich manche Bauern schon lange vor dem EU-Beitritt darüber im Klaren, dass sie mit Viehwirtschaft in großem Stil nicht weit kommen würden. Bereits Mitte der 1980er-Jahre nahmen einige Landwirte rund um Bad Leonsfelden ihr Schicksal selbst in die Hand – und gingen erst einmal spazieren. Was sie dabei in den Wiesen und an den Waldrändern des Mühlviertels entdeckten, waren vor allem wilde Kräuter. Also gruben sie die Pflänzchen aus, pflanzten sie bei sich im Garten ein und warteten ab, wie sich diese entwickelten. Dass daraus recht bald ein Geschäftsmodell werden sollte, wagte anfangs kaum einer zu hoffen. Doch schon 1986 gründeten sie gemeinsam die Österreichische Bergkräutergesellschaft, die heute 62 Mitglieder zählt.

 

Frische Idee statt Industrie

„Es ist eine Geschichte, wie man sie gern erzählt“, sagt Karl Dirnberger, aktueller Geschäftsführer der Genossenschaft. „Da haben sich doch tatsächlich ein paar Bauern am Sonntag nach der Kirche am Stammtisch getroffen und diese Idee mit den Kräutern gehabt.“ Viele Landwirte waren zu diesem Zeitpunkt bereits nach Linz abgewandert und hatten sich einen Job in der Industrie gesucht. Doch diejenigen, die geblieben sind und zu Kräuterbauern wurden, waren zunächst selbst überrascht über das positive Feedback. 

Sie schickten ein paar Proben an den Handel und bekamen durchwegs den Befund: „Hervorragende Qualitäten! Aber was sollen wir mit so kleinen Mengen machen?

Danach geht die Geschichte nicht ganz so weiter, wie es vielleicht zu erwarten wäre: Die Bauern befragten nicht etwa alle ihre Großmütter nach verschüttetem Wissen über Kräuter. Tatsächlich hatte damals in der Region kaum noch jemand eine Ahnung, wie Kräuter am besten kultiviert werden und was sie bewirken. Eher durch Zufall stolperten die Bauern dann über die Diplomarbeit eines Agrarwissenschaftlers, die sich genau diesem Thema widmete. Sofort spannten sie den Diplomanden als Experten ein und eigneten sich das Wissen an, das nötig ist, um von der Mariendistel über Kräutertees bis hin zu Kurkuma alles in größerem Stil anzubauen. Gut 130 Hektar Ackerfläche sind mittlerweile um Hirschbach, wo die Genossenschaft heute ihren Sitz hat, nur mit Kräutern oder Gewürzen bepflanzt.

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Das Sortiment reicht von reinsortigen Gewürzkräutern über Kräutermischungen und Kräutersalz bis hin zum geschmacklich fein abgestimmten Tee, erhältlich bei MERKUR in OÖ.

Mähdrescher im Kräuteracker

„Mit der Hand pflücken geht sich da einfach nicht mehr aus“, sagt der gelernte Drogist Dirnberger. Aber um die Ernte so schonend wie möglich zu gestalten, wurden alte Mähdrescher speziell für diese Aufgabe umgebaut. Dabei verfolgt die Genossenschaft ein kluges dezentrales System: Jeder Bauer ist selbst für die Obsorge des Saatguts bis hin zur möglichst raschen Trocknung der frisch geernteten Kräuter verantwortlich. Aufgabe der Genossenschaft ist es dann, die hohe Qualität zu gewährleisten. So werden etwa alle Kräuter auf Pestizidfreiheit untersucht. Auch die notwendige Aufbereitung der Rohware geschieht in den Gemeinschaftsanlagen, Stängel müssen entfernt, die Blätter auf die richtige Größe geschnitten oder Mischungen zusammengestellt werden.

 

Tee-Sommeliers und Geschmacksnetzwerke

Wie darf man sich also die Herstellung eines typischen Tees aus Mühlviertler Bergkräutern vorstellen? „Gepflanzt werden Blattkräuter in äbersichtlichen Zeilen, ernten können wir in dieser Gegend zwei- bis dreimal pro Jahr. Ende Juni und dann noch einmal im September. Da ist für uns Hochsaison. Wichtig ist in erster Linie, dass vor der Blüte geerntet wird, so bleibt das volle Aroma erhalten“, erklärt Dirnberger. Nach der Trocknung in der Gemeinschaftsanlage und dem Laborbefund kümmert sich dann das sogenannte Sensorikteam um die Kräuter.

Sensoriker sind, ähnlich wie die Sommeliers für Wein, Menschen mit geschultem Gaumen und Sinn für die richtige Zusammenstellung der Cuvées. Denn auch bei Kräutertees, die gänzlich ohne die eigentlichen Teeblätter auskommen, erreicht man durch Mischungen oft interessante Geschmacksnoten. Diese werden wiederum über das sogenannte „Spider Web“ eruiert. Es bezeichnet nichts anderes als ein grafisches Netzwerk für die Verknüpfung von möglichen Geschmacksnuancen wie süß, herb oder bitter. Das hätten die Großmütter der Kräuterbauern aus dem Mühlviertel aber bestimmt auch alles gewusst.

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Mehr über unseren regionalen Lieferanten erfahren Sie hier: www.merkurmarkt.at/bauernmarkt

Genusstipp

Als gelernter Drogist schätzt Karl Dirnberger den Geschmack und den Effekt reinsortiger Kräutertees. Für die kalte Jahreszeit empfiehlt er daher die anregende, aber entspannende Wirkung der Mühlviertler Zitronenmelisse. Dabei wäre eigentlich Pfefferminze seine Lieblingssorte – aber Minze kühlt, und das trinkt er lieber im Sommer.